Wie können Sie das „minimum viable product“ (MVP) nutzen, um Ihr Projekt wieder auf Erfolgskurs zu bringen? Finden Sie nach Analyse der primären Ziele und Prozesse einfachste Lösungsmöglichkeiten mit Ihrem Team und realisieren Sie diese in kleinen, erfolgreichen Schritten. Nutzen Sie das MVP-Vorgehen einfach auch beim nächsten Projekt von Anfang an für hocheffektive Software-Entwicklung!

Stehen sich Zieltermin und Dauer unversöhnlich gegenüber?

Vor vielen Jahren war ich verantwortlich für eine sehr sportlich geplante Webanwendung: wegen Verpflichtungen des Kunden stand der Zieltermin schon sehr früh fest und war nicht verschiebbar. Mein Team war hochmotiviert und machte sogar freiwillig Überstunden am Wochenende! Natürlich war uns klar, dass wir uns auf die wichtigsten Features konzentrieren mussten. Da fiel mir bei einer Testversion auf, dass die Entwickler für die Anwenderprofile die Foto-Hochlade-Funktion eingebaut hatten: die unwichtigste Funktion in der ganzen Anwendung! Dabei hatten wir doch noch so viel zu tun und schon so viel nach hinten geschoben! Antwort des Teams: „Aber das war doch mal was Schönes!“

Kennen Sie Projekte, in denen Termin und Umfang nicht mehr zueinander passen? Im oben beschriebenen Projekt wussten wir früh, dass es nicht passen würde.

Wie können Sie Ihr Projekt wieder auf Spur bringen?

Es soll Manager geben, die ein Krisenmeeting nach dem anderen ansetzen – und sogar die Mitarbeiter durch schneidige Wortwahl zu beeindrucken versuchen. Hat das jemals geholfen?

Wir haben damals im Projekt einen heute häufig genutzten Ansatz aus der agilen Methodik gewählt und uns auf das „minimum viable product“ (MVP) für den Zieltermin fokussiert, also auf das minimal existenzfähige Produkt. So konnten wir beispielsweise leicht Funktionen zur Konfiguration und Administration in ein späteres Release schieben: sie waren für die normalen Anwender nicht relevant.

Und was ist mit dem iterativen Wertzuwachs?

Eigentlich… ist das MVP integraler Bestandteil einer agilen Software-Entwicklung und nicht nur ein Rettungsanker: durch jedes Inkrement realisiert das Team einen steigenden Wert für die Nutzer des Produktes. Beispielsweise können Anwender einer Web-Anwendung ihre Daten zunächst nur ansehen und erst mit dem nächsten Release ändern.

Da Sie mit dem MVP-Ansatz jeweils die wichtigsten Features angehen, realisieren Sie für die Anwender bereits in frühen Schritten einen sehr großen Nutzen! Natürlich müssen Sie die Anwender sehr früh einbinden, um Ihre Annahmen zu validieren. Dabei kann und wird sich die Richtung ändern: aus Marketinggründen kann zum Beispiel die Spracherkennung wichtiger sein als eine hochauflösende Grafik der Masken.

Wie finden Sie das MVP?

Eigentlich ist es ganz einfach: reduzieren Sie die Ziele auf den kleinstmöglichen Umfang, der schon „weh tut“ – und ziehen Sie dann noch mal die Hälfte ab… Im Ernst: der Weg ist schmerzhaft für alle Beteiligten, aber ein Projektabbruch ist auch nur selten eine verlockende Option!

Lupe mit Puzzleteil

In der Regel können Sie Kunden und Mitarbeiter noch leicht überzeugen, unter Termindruck auf „goldene Wasserhähne“ zu verzichten. Aber der MVP-Ansatz geht darüber hinaus: Fokussieren Sie sich auf den wesentlichen Nutzen des Projektes und finden Sie minimalste, aber akzeptable Lösungen.

Welche Ziele sind die wichtigsten?

Identifizieren Sie zunächst die primären, unveräußerlichen Ziele Ihres Projektes:

  • Welcher Stakeholder hat welchen Nutzen durch das Produkt?
  • Wie verdient vor allem Ihr Kunde mit der fertigen Software Geld – und wann?
  • Soll das Produkt neue Umsätze generieren? Welche Prozesse sind direkt daran beteiligt?
  • Planen Sie, Einsparungen durch Beseitigung von Medienbrüchen (Stichwort: Digitalisierung) zu erreichen?

Erstellen Sie aus den Zielen mit Ihrem Kunden eine klare Reihenfolge: im Zweifel werden Sie nur ein Ziel umsetzen können – und auch das nur mit minimalsten Lösungen!

Folgen Sie der Wertschöpfung!

Betrachten Sie vor dem Hintergrund der wichtigsten Ziele die umzusetzenden Prozesse. Mit hoher Wahrscheinlichkeit finden Sie den größten Nutzen in der Abbildung von Geschäftsprozessen zwischen verschiedenen Beteiligten, zum Beispiel:

  • Endkunden bestellen Waren oder Dienstleistungen, die von der Logistik ausgeliefert und von der Buchhaltung verrechnet werden
  • Versicherungsmakler reichen Anträge und Schadensmeldungen ein, die von der Zentrale geprüft werden

Sehen Sie sich diese Prozesse genau an: wie können Sie die Prozessschritte möglichst einfach umsetzen und trotzdem weitgehend digital gestalten?

Verzichten Sie – auf fast alles!

Wie kann man zum Beispiel ein positives Kundenerlebnis in einem Shop sicherstellen und gleichzeitig den Umfang reduzieren? Dabei hilft der Merksatz aus dem Design Thinking: “Fake it till you make it”.

Stellen mit Vereinfachungspotenzial sind häufig:

  • Die Integration von Web-Anwendungen mit vorhandenen Backend-Systemen: für die Nutzer ist nicht relevant, ob im Hintergrund Daten in Dateien transportiert werden oder über REST-Services – manchmal reicht sogar „ausdrucken und eintippen“.
  • Benutzerführung und GUI-Effekte: Wenn der Nutzen für die Anwender groß genug ist, dann reicht auch eine extrem reduzierte Anwendung. Vielleicht können Sie sogar auf One Page Apps in Angular mit Responsive Design verzichten, wenn das Minimalziel auch mit nicht-dynamischen Eingabefeldern erreichbar ist?
  • Prozessvarianten für Ausnahmen und „Sonderlocken“: fokussieren Sie sich lieber auf den 80%-Anteil!
  • Archivieren und Löschen – ein Klassiker: für die ersten Jahre haben Sie vermutlich kein Problem mit den Datenmengen…

Sie werden feststellen, dass Ihr Team und Ihre Kunden nach einigen Lösungsfindungen kreativer beim Einsparen werden, als Sie vermutet hätten.

Vereinfachen Sie die Rahmenbedingungen für den Einsatz

Stellen Sie neben der Funktionalität auch die Rahmenbedingungen für den Ersteinsatz auf den Prüfstein:

  • Können Sie mit zehn Anwendern beginnen oder müssen es gleich 1000 sein?
  • Benötigen Sie eine geclusterte Produktionsumgebung?
  • Benötigen Sie für die erste, kleinste Anwendergruppe eine komplette Self Service Lösung oder kann auch der Help Desk oder Ihr Team – zumindest zeitweise – Passwörter zurücksetzen?

Hierzu müssen Sie in der Regel weitere Abteilungen wie IT-Betrieb oder Help Desk einbinden, obwohl Sie bereits jetzt wenig Zeit haben – der Aufwand lohnt sich!

Planen Sie in kleinsten Schritten

Zerlegen Sie Ihr MVP in möglichst kleine Schritte, die Sie Ihrem Kunden zeigen können:

  • Der erste erfolgreiche Login
  • Der erste elektronisch eingereichte Auftrag
  • Die erste Auftragsbestätigung

Durch kleine, überschaubare und erfolgreiche Schritte schaffen Sie im Team und auch beim Kunden wieder Vertrauen und Motivation.

Versuchen Sie dabei, die minimalen Prozesse erstmal als Gesamtkette zum Laufen zu bekommen – Sie können Datenfelder und Ausnahmen viel leichter ergänzen, wenn Sie erstmal die typischen Hürden überwunden haben!

Liefern Sie möglichst früh das MVP aus

Versuchen Sie, Ihr MVP möglichst früh produktiv zu nutzen – nichts ist lehrreicher als der Echtbetrieb!

Leider kostet Sie der produktive Einsatz auch Kraft: Ihr Team muss beispielsweise die weggelassenen Funktionalitäten durch manuelle Schritte ersetzen: Daten exportieren und importieren, Accounts anlegen und verwalten, Patches bereitstellen usw. Gleichzeitig arbeiten Sie an den nächsten Schritten, die dann nach und nach zu Verbesserungen und Erweiterungen führen.

Das MVP alleine reicht nicht…

In diesem Artikel haben wir uns bewusst auf das MVP konzentriert. Nehmen Sie für eine erfolgreiche Projektrettung weitere Maßnahmen in Angriff:

Schaffen Sie volle Transparenz für Kunden, Management und Team. Dazu gehört auch der meist schwierigste Teil, dem Kunden reinen Wein einzuschenken über den Stand des Projektes. Ihr Vorteil: wenn er die Rettung mitträgt, dann haben Sie eine echte Chance, ein gemeinsames MVP zu definieren. Zudem können Sie verloren gegangenes Vertrauen durch kleine, erfolgreiche Schritte sukzessive aufbauen.

Sorgen Sie insbesondere für ein erfolgreiches Team: keine Fußballmannschaft gewinnt, weil der Trainer so ein toller Typ ist! Je nach Ausgangslage haben Sie hier eine Herkulesaufgabe vor sich: Motivation schaffen, Freiräume ausloten und Entscheidungsfreiheit herstellen, Leistungsbereitschaft fordern und fördern, und vieles mehr.

Die Zeit danach

Wie geht’s nach der Krise weiter, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben? Je nach Situation kann das MVP bereits reichen, um den Markt weiter zu erforschen! Falls Ihr Projekt vor der Krise größer geplant war, kommt schnell der Wunsch nach weiteren Schritten auf: Ihre Kunden trauen Ihnen schon längst wieder die Fortführung des Projektes zu – und möchten langsam mal wissen, wann denn die weiteren Releases kommen, was es kostet usw.

Auch wenn Sie im Geiste noch mit Aufräumen beschäftigt sind, müssen Sie parallel schon mal Pläne vorbereiten. Also stürzen Sie sich in die Arbeit mit Work Packages / Epics, Dauer, Aufwand, Abhängigkeiten, Teamzusammensetzungen, Urlaubszeiten, usw.

Tipp: Sparen Sie die knappe und wertvolle Zeit – nämlich Ihre Zeit – durch agile Portfolio-Planung. Thorsten Kamann zeigt Ihnen, wie Sie in sechs Schritten ein Portfolio mit Portfolio für JIRA erstellen.

Nutzen Sie das MVP – immer häufiger!

Mit der Konzentration auf das MVP und weiteren Maßnahmen können Sie das Projekt wieder auf einen erfolgreichen Weg bringen, der Sie in kleinen Schritten zu großen Erfolgen führt!

Und wenn Sie ein neues Projekt starten, dann fangen Sie doch gleich mit einem MVP an: Fokussierung auf den Nutzen, kleine erfolgreiche Schritte, häufige Überprüfung und Anpassung der Ausrichtung etc. führen dazu, dass Ihr Projekt einen stetig steigenden Nutzen für den Anwender liefert – ohne Überstunden und ohne unnütze Features.